Presse

23.03.2018 Fresenspiegel

Veröffentlicht am 23. März 2018 von Redaktion Erle
Das Funktechnische Museum Norddeich Radio e. V. – Wiedereröffnung an neuem Standort

Am 31.03.2018 (Ostersamstag) eröffnet das Funktechnische Museum Norddeich Radio am neuen Standort in der Nessmer Mühle, Cankebeerstr. 41, 26553 Dornum/Nesse.

Bei einem Rahmenprogramm mit Essen, Getränken, Livemusik und vielen interessanten Informationen findet die Wiedereröffnung ab 10:00 Uhr statt. Natürlich auch Gelegenheit zur ausgiebigen Besichtigung der umfangreichen Sammlung funktechnischer „Schätzchen“ verschiedener Epochen.



Einen ersten Besuch vor Eröffnung konnte das in der idyllischen Mühle gelegene Museum schon verzeichnen. Elias Omar von der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft und Franz Schaeffler der Firma Rohde und Schwarz ließen es sich nehmen, am Rande einer Arbeitsbegnung in Nesse im Kontext des Aufbaus eines Funkmessdienstes in Afghanistans die Ausstellung zu besuchen. Das sich hier natürlich auch historische Exponate von Rohde und Schwarz finden erweckte Neugier.



Für die Eröffnungsveranstaltung erwarten die Veranstalter eine überregionales Interesse, nicht nur von Funkamateuren, ist die Nessmer Mühle doch stets ein gut besuchtes Ausflugsziel.


08.03.2018 Ostfriesischer Kurier

Wissen-was-los-ist-Angebot für die Jackentasche

KULTUR Arbeitskreis Norder Museen gibt Faltblatt mit Informationen über Museen und Sammlungen heraus
NORDEN/ELA
-

Für den Norder Bürgermeister Heiko Schmelzle stellt das Angebot "einen absoluten Mehrwert für Norden dar, sowohl für Urlauber als auch für Einheimische': Gemeint ist die Tatsache, dass es in Norden zahlreiche Ausstellungen, Sammlungen und auch Museen gibt. Insgesamt sind es 15 an der Zahl. Damit dieses auch möglichst viele wissen, erscheint auch in diesem Jahr wieder ein Museums- Flyer. Dem kleinen Faltblättchen können Interessierte entnehmen, wann wo welche Einrichtung in Norden geöffnet hat und was für Angebote sie bietet. Der erste Vorsitzende des Arbeitskreises Norder Museen, Heinz Bloch, und sein Stellvertreter Manfred Wiltfang stellten jetzt dem Norder Bürgermeister den aktuellen Flyer für das Jahr 2018 vor. Auch Wilfried Türk von der Sparkasse Aurich-Norden war zur Vorstellung gekommen. Die Sparkasse ist Werbepartner, seitdem es den Museums- Flyer gibt. Türk lobt die ehrenamtliche Tätigkeit der Museumsbetreiber: "Da steckt viel Herzblut drin." Es sei "herausragend': dass es in Norden eine solch vielfältige Museumslandschaft gebe. Die 23. Auflage des Museums- Flyers wartet · mit einer Neuheit auf: Mit dem Funktechnischen Museum Norddeich Radio ist zum ersten Mal auch eine Einrichtung außerhalb Nordens aufgenommen worden. Die Geschichte der drahtlosen Kommunikation wird im Mühlenhof Nesse gezeigt. Gleichzeitig macht Bloch deutlich: Wir sind ein Arbeitskreis Norder Museen. Es sei eine Ausnahme, dass man in dem Flyer auch auf eine Einrichtung außerhalb Nordens hinweise. Grund sei, dass im Mühlenhof in Nesse das Funktechnische Museum Norddeich Radio Quartier bezogen hat.
Der neue Museums-Flyer ist in einer Auflage von 50 000 Stück gedruckt worden, so Wiltfang. Allein in der Stadt Norden wird das kleine Faltblättchen ari 35 Stellen verteilt, dazu kommen 15 Stellen in Norddeich. Kur_t Haag, ebenfalls Mitglied des Vorstands des Arbeitskreises Norden Museen, verteilt den Flyer in der Krummhörn, Greetsiel, Emden, außerdem von Aurich bis Wiesmoor und von Neßmersiel bis Carolinensiel, sagt Manfred Wiltfang. Die Nachfrage sei groß, häufig sei schon im Dezember kaum noch ein Flyer zu bekommen. Bloch betont, dass sich nicht allein Auswärtige für die Drucksache interessieren. Auch viele Einheimische informierten sich durch sie über das Angebote der zahlreichen Museen. Vor allem dann, wenn wieder ein Preisrätsel veranstaltet wird. In diesem Jahr wird es vom 14. bis 28. Juli veranstaltet.


09.02.2018 Ostfriesischer Kurier

Museum lebt in Neßmer Mühle weiter

KULTUR Funktechnik-Verein hat in der Gemeinde Dornum neue Bleibe für 3000 Exponate gefunden

Vorsitzender Landoulsi kann den Zwangsverweis aus den Räumen in Utlandshörn noch immer nicht verkraften.

NORDEN/ NESSE/WIE -
DerVerein Funktechnisches Museum Norddeich Radio bleibt bestehen und stellt seine gut 3000 gesammelten Exponate jetzt in der Neßmer Mühle in der Cankebeerstraße 41 aus. Das sagte der langjährige Vorsitzende und Gründer des Vereins, Mustapha Landoulsi, dem KURIER auf Nachfrage: "Der Besitzer dort hat uns gern aufgenommen. Wir können jetzt auf unbegrenzte Zeit die Räume in der Mühle nutzen:' Dort sei auch ein gemütliches Cafe mit Bistro im Mühlenhof. Offizielle Einweihung des neuen Funktechnischen Museums sei der 31. März (Sonnabend). Der ehemalige Pilot Mustapha Landoulsi, der am 15. Februar 75 Jahre alt wird, will bei den bevorstehenden Vorstandswahlen nicht wieder als Vorsitzender kandidieren: "Ich habe so viel Zeit in den Umzug investiert, ich möchte den Vorsitz abgeben:' Für die Jahresversammlung am 9. März sei ein geeigneter Nachfolger gefunden, erklärte der gebürtige Tunesier: der Besitzer der Mühle, Arnold Meier. Der Verein mit seinen rund 50 aktiven und mehr als 100 passiven Mitgliedern in der ganzen Welt hatte bis zum 31. Dezember des vergangeneu Jahres bekanntermaßen in Räumen der ehemaligen Küstenfunkstelle Norddeich Radio in Utlandshörn seinen Sitz. Wegen einer erfolgreichen Räumungsklage seitens des Landkreises Aurich musste der Verein die Räumlichkeiten freigeben. "Sie hatten keinen Mietvertrag und waren somit rechtlich nicht abgesichert': sagte Berthold Steinert, Leiter des Ordnungsamtes des Landkreises Aurich. Nach dem Aus des Ausstellungszentrums Noordway in Utlandshörn Ende 2013 hat es offenbar keinen schriftlichen Mietvertrag zwischen GmbH-Geschäftsführer Manfred Giesenberg und dem Funktechnischen Museum gegeben. Wie berichtet, befindet sich das Gebäude der ehemaligen Küstenfunkstation seit Ende 2015 im Besitz des Landkreises. Dieser hat seit 2016 dort ein Integrationszentrum für Flüchtlinge eingerichtet und brauchte die Räume, die das Funktechnische Museum bis dato für seine Ausstellung nutzte. Landoulsi bedauert die Räumungsklage und kann die Maßnahme des Landkreises bis heute nicht verstehen, weil es eben auch ihm und seinen Mitstreitern im Verein auch um den Erhalt des letzten stählernen Sendemastes von Norddeich Radio gehe: "Norden hat ein 20 Jahre altes, interessantes und historisches Museum verloren."


31.12.2016 Ostfriesland Reloaded

An Sylvester war dann für immer Schluss: „Good-bye for ever, over and out“

Eine der legendärsten Küstenfunkstellen verabschiedete sich an Sylvester vor genau 18 Jahren, am 31.12.1998, von der Welt: Norddeich Radio schaltete mit diesem letzten Funkspruch über UKW seinen Sendebetrieb endgültig ab. Damit ging eine Ära zu Ende, die fast hundert Jahre zuvor noch zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II. begonnen hatte. Denn der Regent höchstpersönlich war es, der 1905 den Auftrag zur Errichtung einer Deutschen Küstenfunkstation gab. Dem Gründungsmythos zu Folge war ein Telegramm des Kaisers an seine Frau der Auslöser, das nicht von seinem Schiff mit Telefunken-Sendeanlage via Borkum abgeschickt werden konnte. Denn die Seefunkstelle dort arbeitete mit dem konkurrierenden und von den Briten verbreiteten Marconi-System.

Doch die Wahrheit ist wahrscheinlich nicht ganz so romantisch. Es waren wohl eher die Kriegsschiffe des Deutschen Reiches, die im westlichen Bereich der Deutschen Bucht bis zum Ärmelkanal funktechnisch erreichbar sein sollten und den wesentlichen Ausschlag für die Errichtung der Küstenfunkstation gab. Ein Standort in der Nähe des kleinen Hafens Norddeich am nordwestlichsten Festlandzipfel Deutschlands wurde als der ideale Platz für die neue nationale Küstenfunkstelle ausgewählt – auch aufgrund der hohen Bodenleitfähigkeit der feuchten Marsch und damit guter Erdung. Nach vielen Tests nahm Norddeich Radio am 1. Juni 2007 den allgemeinen öffentlichen Seefunkverkehr in Deutschland auf. Das erste Rufzeichen der neuen Station lautete KND für Küstenfunkstelle Norddeich.


10.12.2013 NDR.de

Als der Seemann noch nach Hause funkte
von Beatrix Hasse

An Weihnachten waren alle Kanäle besetzt. "Die Seeleute, die nicht vom Schiff wegkamen, wollten natürlich auch mit ihren Lieben zu Hause sprechen", erinnert sich Bernd Wagemeyer an seinen Dienst in der UKW-Küstenfunkstelle Rostock Radio. Über die Funkanlage nahm er Kontakt zu Schiffen auf oder vermittelte Telefongespräche zwischen Seeleuten und deren Familien. Im Februar 1990 hatte der damals 31-Jährige seinen Lehrgang an der Ingenieurhochschule Warnemünde abgeschlossen und als Küstenfunker angefangen - mitten in der aufregenden Wendezeit. Ein Drei-Minuten-Gespräch kostete nach der Währungsunion 7,20 DM. "Das war ja nicht ganz billig", sagt Wagemeyer. "Aber in dem Moment war das dann auch egal."

Im normalen Schichtdienst saß Wagemeyer mit einem Kollegen im Büro, zu Spitzenzeiten kam ein dritter dazu. An Heiligabend durften nur die Familienväter zu Hause bleiben oder mussten erst zur Nachtschicht erscheinen. Dafür sprangen die anderen ein. Es sei schon wie eine kleine Familie gewesen, erinnert er sich.
Weihnachtsgrüße auf hoher See

Ähnlich familiär geht es auch im Studio der NDR Hörfunksendung "Gruß an Bord" zu, die es inzwischen seit 57 Jahren gibt. Moderator Herbert Fricke weiß, wie wichtig seine Weihnachtssendung ist. An Heiligabend zwischen 20.05 und 22 Uhr geht sie auf NDR 90,3 und NDR Info auf Sendung. Seeleute aus aller Welt warten auf Nachrichten von ihren Angehörigen daheim, nutzen mittlerweile sogar den Livestream im Internet oder lesen dort die E-Mail-Grüße ihrer Familie.

Zwar sind die Zeiten moderner geworden, doch die Sendung ist nach wie vor populär. "Auch Seeleute sind ja verwurzelt - ob in Hamburg, Bremen, Rostock, Rügen oder sonst wo", weiß Fricke. "Wenn sie dann meine Stimme hören, wissen sie: Jetzt spricht die Heimat zu mir." Die Hörfunksendung stellt sich auf technische Neuerungen ein, geht mit der Zeit. Der Küstenfunk aber hat seit Jahren ausgedient. Ende 1998 schickte die größte deutsche Küstenfunkstation, Norddeich Radio, zum letzten Mal Grüße über den Äther.
Wie alles begann
Erstmals kam die drahtlose Telegrafie auf Schiffen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Einsatz, bald schon weltweit. Immer intensiver arbeiteten die Länder im Bereich Seefahrt zusammen, profitierten von der vereinfachten Kommunikation. Auch vier große deutsche Küstenfunkstationen nahmen in dieser Zeit den Betrieb auf: Elbe-Weser-Radio ging zuerst 1904 auf Sendung.
Norddeich Radio: Eine Erfolgsgeschichte
Ab 1905 wurde die größte der deutschen Küstenfunkstationen aufgebaut und nahm 1907 offiziell den Sendebetrieb auf. Weil die Telegrafie an Bedeutung gewann, wurde die Station 1910 eigenständig und hieß "Telegraphenanstalt Norddeich". Zuvor hatte sie zum Kaiserlichen Postamt in Norden gehört.

Im Ersten Weltkrieg war sie der Kaiserlichen Marine unterstellt. Nach Kriegsende wurde der Funkverkehr kontinuierlich ausgebaut und das Personal aufgestockt. Die drahtlose Telefonie hielt Einzug. Im Zweiten Weltkrieg übernahm die Kriegsmarine Norddeich Radio. Erst zwei Jahre nach Kriegsende konnte der Sender den Seefunkdienst wieder aufnehmen.

Mitte der 1950er-Jahre wurde direkt in Norddeich die Sendung "Gruß an Bord" produziert und vom NDR übertragen. 1957 gingen bereits jeden Monat 25.000 Telegramme und 4.000 drahtlose Funkgespräche über den Sender. Mitte der 60er-Jahre zog der Sender um nach Osterloog, bis in die 70er-Jahre entstand ein weltweites Seefunknetz.

In den 1980er-Jahren kam der Satellitenfunk auf, die Auslastung der Küstenfunkstellen sank. Nach und nach wurde Norddeich Radio abgeschaltet, bis zur endgültigen Schließung am 31. Dezember 1998.

Wenig später folgte Norddeich Radio in Ostfriesland: am 1. Mai 1907. Das spätere Rügen Radio begann am 11. September 1911 als Küstenfunkstelle Swinemünde, wurde erst 1932 auf die Insel verlegt. Ab 1946 kam Kiel Radio dazu, betrieben von der Oberpostdirektion der Stadt. Bis Ende der 1990er-Jahre sendeten die Küstenfunker in alle Welt, per Sprechfunk und Morsetelegrafie. Sie erlebten in dieser Zeit sowohl kleine als auch große menschliche Dramen.


4/1999 RADIOJournal

Norddeich Radio: Goodbye, forever over and out!

1899 sandte Marconi erstmalig einen Hilferuf über drahtlose Telegrafie in den Äther. Drei kurz, drei lang, drei kurz. Es war die erste humane Meldung, die das Leben von Menschen eines bei Goodwin Sands untergehenden Dampfers retten sollte und es war gleichzeitig die Geburt des Morsezeichens SOS. „Save our Souls” wurde dann auch 1906 international anerkannt.

In diesen Jahren baute die Firma Marconi auf vielen Schiffen ihre Funkeinrichtungen ein und besetzte auch diese mit ihren eigenen Funkern. Welche kuriosen Hindernisse der Funkverkehr zwischen den Schiffen und den Küstenfunkstationen vor dem ersten Weltkrieg zu überwinden hatte, zeigt eine wahre Begebenheit: Kaiser Wilhelm II kam gerade von einer Mittelmeer-Reise zurück und kehrte nun an Bord der „Hamburg” heim. In der Deutschen Bucht wollte er ein Telegramm nach Berlin aufgeben. Die „Hamburg” hatte aber ein „Telefunkengerät” an Bord. Der Funker rief die „Marconi-Station” in Borkum an, aber der Funker dort lehnte höflich aber bestimmt die Annahme des Telegramms ab. Der Satz, in den er sein „Nein” kleidete, füllte am nächsten Tag die Schlagzeilen der Weltpresse: „I am sorry!”.

Des Kaisers Telegramm musste über Holland gehen. Noch im gleichen Jahr begann Telefunken im Auftrag der Deutschen Reichspost mit dem Bau der Küstenfunkstation Norddeich Radio. Das war im Jahre 1905. 1907 begann Norddeich Radio mit dem Rufzeichen „DAN - Dora Anton Nordpol” mit dem Betrieb.

Ob in der Karibik, im Indischen Ozean, im chinesischen Meer oder bei Feuerland, überall herrschte riesige Freude, wenn der Seemann plötzlich die tausende Kilometer entfernte Familie in München, Köln oder Hamburg sprechen konnte. „Hier ist Norddeich Radio” - bei diesen Worten kam auch bei den härtesten Fahrensleuten Heimweh auf. Und wer erinnert sich nicht gern an die Weihnachtssendungen von „Rocki” alias Hermann Rockmann, der am Heiligabend die Herzen der Seeleute und ihrer Angehörigen zu Hause wärmte. In so mancher Familie konnte erst beschert werden, wenn die Kultstimme vom Norddeutschen Rundfunk Seeleute in aller Welt, auch über die „Deutsche Welle”, gegrüßt und zahlreiche Mütter ihren Söhnen auf den Weltmeeren ein frohes Weihnachtsfest gewünscht hatten.

Salzige Meeresluft weht um die bis 130 Meter hohen Sende- und Empfangstürme von Norddeich. Inmitten grüner Wiesen mit grasenden Schafen, hinter kilometerlangen Deichen, soweit das Auge reicht. Fünfzehn eiserne Gittermasten ragen in die Höhe. Hier in Ulandshörn, acht Kilometer westlich der ostfriesischen Stadt Norden, ist die Heimat von Norddeich Radio. Von hier aus hielten die Funker Kontakt bis noch so verwinkelte Ecken der Erde. Reichweiten bis 2.000 Kilometer waren damals Spitzentechnik. Man begann 1907 den „Allgemeinen öffentlichen Seefunkverkehr” mit fünf Beamten. Einer bediente die Geräte, die anderen vier tippten die per Post eingegangen Nachrichten in den Morseapparat und nahmen die Funkzeichen der Schiffe auf. Im ersten und zweiten Weltkrieg diente Norddeich Radio der Marine und erst am 18. Mai 1948 durften wieder zivile Funksprüche aufgenommen und gesendet werden.

Die goldene Zeit fällt in den Beginn der achtziger Jahre. Rund 260 Mitarbeiter arbeiten im Schichtdienst rund um die Uhr. Bereits im Jahre 1995 wurde die Morsetelegrafie über Mittelwelle eingestellt. Auch der Sprechfunkverkehr musste angesichts der neuen Telefonie über Satelliten weiter nach unten gefahren werden. So wurden schon die Küstenfunkstellen „Elbe-Weser-Radio”, „Kiel-Radio” und „Rügen-Radio” geschlossen.

„Wir bedienen seit längerem nur noch den UKW-Bereich in Küstennähe. Grenzwelle und die Kurzwelle für weltweite Entfernungen gehören schon längst der Vergangenheit an”, sagt Wolfgang Hellriegel, einer der letzten Funker bei Norddeich Radio, etwas wehmütig. Satelliten- und Mobilfunktelefonie schaffen längst individuellere und sichere Verbindungen rund um die Welt. Zwar vermissen viele Seeleute auf den Weltmeeren, die Erkennung - den alten Klang des Weckers -, bevor Norddeich sich mit: „Norddeich Radio mit dem allgemeinen Sammelanruf” meldete.

So endet ein Kapitel, das zu Beginn des Jahrhunderts mit der Entwicklung der Morsetelegrafie begann. Aber jede glorreiche Geschichte findet einmal ihr Ende. Morsetelegrafie und terrestrischer Sprechfunk auf Basis von Hertzfrequenzen werden bald nur noch in Technikmuseen zu bewundern sein. Sie zollen Tribut an eine neue Technik, die den traditionellen Seefunk seit Mitte der 80er Jahre mehr und mehr verdrängt.

Norddeich Radio - die Antennen werden oder sind schon abgebaut, es beginnt ein neues Zeitalter. Es wird ein neues Service Center für die Vermarktung des digitalen Fernsehens und für den Zukunftsmarkt „Digitales Radio”. Über High-Tech-Geräte können Kunden dann klassische Informationen über Wetter, Staus in Stadt und Land, Flug- und Zugpläne via Funk erhalten. „Wir verlagern die Vermittlung von See nun auf das Land”, sagt der Leiter Jochen Erdmann.

Am 31. Dezember 1998 ließ Jochen Erdmann folgenden Funkspruch in die Welt funken: „This is Norddeich Radio. Goodbye, goodbye forever. Over and out”. Dieser Funkspruch, nach 92 Jahren, war das Ende eines Mythos. Das Ende von Norddeich Radio.

Peter Schneider
Aus RADIOJournal 4/1999

• Sendeschluss: Eine in den letzten Jahren ständig verbesserte Satelliten-Technik bei gleichzeitig geringer werdenden Kosten für diese neuen Übermittlungswege gaben den Ausschlag: Die beiden großen Küstenfunkstationen in Deutschland, das legendäre Norddeich Radio und dessen kleinerer Ostsee-Pedant Rügen Radio, werden ihre Sprechfunkdienste nur noch wenige Wochen aufrecht erhalten. Zum 31. Dezember 1996 sollen diese Dienste aufgegeben werden. Nachdem im vergangenen Jahr bereits die Versorgung via Mittelwelle eingestellt worden war, beendete Norddeich Radio zum September 1996 die Telegrafie-Ausstrahlungen auf der Kurzwelle. Einen Monat später, am 31. Oktober liefen dann die letzten KW-Sprechfunkverbindungen. Nur noch in den Monaten November und Dezember 1996 sollen die Aufgaben im Grenzwellenbereich (zwischen Mittel- und Kurzwelle) erfüllt werden, ehe zum 1. Januar 1997 Rügen Radio seinen Dienst komplett einstellen und Norddeich Radio zu einer reinen UKW-Station umfunktioniert werden wird.
Norddeich Radio, der bekannteste der deutschen Küstenfunksender, nahm seine Arbeit bereits im Jahr 1907 auf und wurde schnell zu einer der lautesten Stimmen im damaligen Äther. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Aufgaben der nun bundesdeutschen Funkstelle immer umfangreicher. Dazu gehörten die kommerzielle Vermittlung von Gesprächen ebenso wie die Versorgung der Schiffe mit Wetterprognosen oder die Beobachtung der Seenotfrequenzen. Aus Platzmangel mussten die Sendeanlagen von Norddeich Radio Mitte der 60er Jahre verlagert werden. Die Station in Osterlog wird seit 1994 von den Arbeitsplätzen in Utlandshörn aus ferngesteuert. Rügen Radio, das auf eine mittlerweile 65-jährige Geschichte zurückblicken kann, gehörte bis zur Wiedervereinigung zu den großen europäischen Küstenfunkstellen. Noch 1989/90 wurden etwa 300.000 Telegramme und 65.000 Telefongespräche übermittelt. In den letzten Jahren jedoch wurden die Dienste stark eingeschränkt: Auf der Ostseeinsel war man nur noch für die Versorgung des näheren Bereichs (Ostsee und angrenzende Gebiete) auf Mittel- und Grenzwelle sowie UKW zuständig. Ab dem 1. Januar 1997 wird Norddeich Radio als einzige deutsche Küstenfunkstation übrigbleiben. Die Mitarbeiter der Telekom in Norden übernehmen dann via UKW die Versorgung der unmittelbaren deutschen Küstengebiete, was auch die Aufgaben der bisherigen kleineren Funkstellen, wie zum Beispiel Elbe-Weser-Radio und Kiel Radio, einschließt. Die Beobachtung der internationalen Seenotfrequenzen 500 und 2182 kHz wird auf das dänische Blavand Radio übertragen. Einzig der weltweite Telex-Verkehr via Kurzwelle, der seit langem zu den kommerziellen Angeboten gehört, wird - solange eine ausreichende Nachfrage besteht - weiter zu den Aufgaben von Norddeich Radio gehören.
(RADIOJournal 11/1996)


30.01.1999 Berliner Zeitung

Am 31. Januar wird die Kommunikation mittels Morsezeichen offiziell abgeschafft Kurz-lang-kurz-lang-kurz

Von Jörg Niendorf 30.01.99
BERLIN, 29. Januar. Ende, over. Oder auch: Kurz-lang-kurz-lang-kurz. So lautet das Schlußzeichen, das im Morsealphabet jede "getastete" Funkübertragung beendet. Damit ist nun Schluß, endgültig. Das Morsen wird abgeschafft. Weltweit ist die Schiffahrt längst auf satellitengestützen Funk- und Notrufverkehr umgestiegen. Der 31. Januar 1999 ist laut internationaler Konvention nun der allerletzte Termin zur Umstellung auf das "GMDSS" (Global Maritime Distress and Safety System). Keine Funkwache auf keinem der sieben Weltmeere wird ab 1. Februar mehr da sein und im Äther auf ein SOS-Signal harren. Lange Zeit war der Notruf (drei-kurz, drei-lang, drei-kurz), dem das berühmte "Safe-Our-Souls" erst später angedichtet wurde, Synonym für Tragik und Dramen auf See. Jedem drängte sich das Bild des sinkenden Schiffes auf. Nun ist SOS Vergangenheit, eine Ära ist zu Ende gegangen.Strapazierfähiges HandgelenkNur im Amateurfunk wird das Morsen überleben. Dort gibt es noch Anhänger der einfachen Technik mit Taste und Kopfhörer, die dafür umso mehr Geschick, ein gutes Gehör und ein strapazierfähiges Handgelenk erfordert. Gnadenlos ist die Morsetelegrafie überholt worden: zuerst von Funkfernschreibern, dann von Funktelefonen, Satelliten- und Digitaltechnik. Sogar die für deutsche Seeleute legendäre Küstenfunkstelle Norddeich Radio, die 91 Jahre lang Funksprüche von und zu Schiffen in aller Welt weiterleitete, wurde kürzlich geschlossen. Keine Hörwache ist mehr notwendig, kein Warten auf den Kurz-Lang-Code oder ein gesprochenes "Bitte Kommen". Norddeich sagte over, GMDSS übernahm.Jetzt zieht die deutsche Marine nach, streng nach Vorschrift. Pünktlich, am 31. Januar um 24 Uhr, werde die Überwachung der Tastfunkfrequenzen in den Küstenfunkstellen beendet, sagt Kapitänleutnant Walter Schröder von der Marinefernmeldeschule in Flensburg. Die aufwendige Ausbildung junger Soldaten im "Hören und Tasten" hatten die Militärs vor zwei Jahren eingestellt zu einem Zeitpunkt, als bei der zivilen Handelsmarine das Morsen schon nahezu in Vergessenheit geraten war. Für die Bundesmarine war der Tastfunk bis jetzt noch eine Reservetechnik, so Schröder. Allenfalls U-Boote haben sie jedoch praktiziert: Morsen kann man auch mit nassen Antennen, wenn ein Unterseeboot nur kurz auftauchen darf. Da taten sich andere Funktechniken bisweilen schwer. Doch das ist lange behoben.Mit dem Draht hatte alles angefangen. Vor etwa 170 Jahren begann der Amerikaner Samuel Morse, ein Maler und gelegentlicher Erfinder, mit Experimenten zum elektrischen Telegrafen. Das Patent seines Apparates meldete er dann 1838 an, zur gleichen Zeit entwickelte er sein Funkalphabet, in dem jeder Buchstabe aus einem Code von Punkten und Strichen (kurzen oder langen Stromstößen) besteht. Das erste Internet der Welt entstand ab 1850. Amerika und Europa verkabelten sich, verbanden sich dann mit Transatlantikleitungen. Die Telegrafie wurde zur Boombranche mit guten Aufstiegschancen. Mancher First-Class-Operator schaffte Sende- und Empfangsleistungen von 45 Worten pro Minute. Und erfahrene Kabel-"Surfer" meinten sogar, bestimmte Gegenstellen allein an ihrer Art zu morsen erkennen zu können.Ab 1897 dann gab es die drahtlose Telegrafie. Das Morsen wurde zu der Verbindung schlechthin, die Schiffe auf See untereinander und mit dem Festland kommunizieren ließ. Und nicht zuletzt das Unglück der Titanic zeigte, wie wichtig diese Kommunikation war. Heute reicht ein Knopfdruck für den Seenotalarm. Via Satellit sendet ein Bordcomputer die wichtigsten Daten in Sekundenschnelle an Seenotrettungsdienste: die Identifikation des Schiffes und seine Position. Seit 1990 ist bei jedem Schiffsneubau diese GMDSS-Technik Vorschrift, alle anderen mußten nachrüsten. Ende, over. Flinke Finger und Morsetaste sind ausgemustert.


30.12.1998 - Hamburger Morgenpost

Nach fast 100 Jahren der letzte Funkspruch - Ende eines Mythos' Norddeich-Radio: Goodbye forever

Norddeich - Generationen von Seefahrern haben nach langen und einsamen Monaten dem magischen Satz entgegengefiebert: "Hier ist Norddeich-Radio." Fast 100 Jahre war die Küstenfunkstelle an der Nordsee die einzige Verbindung zwischen bärbeißigen Seeleuten und den Lieben daheim. Jetzt ist Schluß. Am Silvesterabend geht der letzte Funkspruch in die Welt . Heiligabend im Radio. Norddeutscher Rundfunk . Blecherne Stimmen und Krächzen kamen aus dem Lautsprecher. Die Tonqualität war nicht entscheidend. Nur Gefühle zählten. Mythos christliche Seefahrt - hier wurden Familien Jahr für Jahr Zeuge bewegender Dialoge. Gespräche zwischen Liebenden, die sich seit Monaten nicht gesprochen hatten. In mancher Seemannsfamilie wurde mit der Bescherung erst begonnen, wenn Moderator Hermann Rockmann die Seeleute in aller Welt gegrüßt und ihnen ein frohes Fest gewünscht hatte. Moderator Hermann Rockmann ist tot und moderne Satelliten-Telefone haben Norddeich-Radio überflüssig gemacht. Am 31. Dezember ist endgültig Schluß. Die Funkstation stellt ihren Betrieb ein. Die Seefahrt verliert ein Stück ihrer Faszination. 260 Menschen arbeiteten damals für Norddeich-Radio. Direkt an der rauhen Nordsee, am Utlandshörn unweit des Fährhafens in Norddeich, lag die Funkstation mit ihren bis zu 130 Meter hohen Sendemasten. 1907 hatte Kaiser Wilhelm die Anlage in Betrieb genommen. Die Geräte - damals hochmodern - konnten 2000 Kilometer weit senden. Johann Erdmann (52) leitete die Funkstation 26 Jahre. Er erinnert sich: "In den Tagen um Weihnachten und Silvester kamen die Funker nicht zur Ruhe." Angehörige schickten Weihnachtsgrüße, viele private Telefongespräche mußten vermittelt werden - oft bis in die hintersten Ecken der Weltmeere. Es waren die kleinen Fehler des Systems, die für so viele Döntjes sorgten. Der Arzt, der einem kranken Matrosen telegrafierte: Bier in Maßen. Aber im Morsealphabet gibt's kein "ß", der Kranke erhielt den Ratschlag: Bier in Massen. Oder das Mädchen, das seinem Verlobten auf hoher See mitteilen wollte: "Bin gesund und munter". Die Funker vergaßen einen Punkt, sendeten: "Bin gesund und Mutter". Die Morsetelegrafie wurde 1995 eingestellt. Der Seenotfunk wird seit Beginn der 90er Jahre weltweit auf ein satellitengestütztes System umgestellt. Die Sendeleistung von Norddeich-Radio reichte seit Mai 98 nur noch für den Küstengürtel der Nord- und Ostsee. 82 Mitarbeiter waren zum Schluß bei Norddeich-Radio. Sie werden von der Telekom übernommen, die Geräte zum Teil verschrottet, andere kommen ins Hamburger Postmuseum. Johann Erdmann läßt am Silvesterabend in die Welt funken: "This is Norddeich-Radio. Goodbye, goodbye forever. Over and out."


Nachruf 1967

"Norddeich Radio" - begeht seinen 60. Geburtstag
Ein Rückblick von R. Marschner, DL9CM

Wir haben das Jahr 1967, ich bin Funker auf der „Lichtenfels“ als „Norddeich Radio“ seinen 60. Geburtstag feiert. Weit ab vom Schuß, wie man so sagt, viel bekomme ich nicht davon mit, denn der Betrieb geht ja auch bei Deutschlands größter Küstenfunkstelle weiter.

Dank der erfolgreichen eigenen deutschen Funkentwicklung konnte die Deutsche Reichspost am 1. Mai 1907, bereits zehn Jahre nach Marconis aufsehenerregender Erfindung, eine eigene Funkstation für den Verkehr mit Schiffen auf hoher See in Betrieb nehmen. Von „hoher See“ konnte allerdings zunächst keine Rede sein. Daß man ausgerechnet den Standort in der nordwestlichen Ecke Deutschlands auf einer sumpfigen Wiese unmittelbar hinter dem Nordseedeich wählte, hatte viele Gründe, u.a. konnte man mit heimkehrenden Schiffen schon so früh wie möglich und mit den nach Übersee auslaufenden Schiffen so lange wie möglich in Funkverbindung treten. Die Reichweitenversuche die man 1907 mit dem Kreuzer „Vineta“ unternommen hatte, waren erfolgreich gewesen, trotzdem gab es Schwierigkeiten. Von der Reichspost wurden "dokumentarische Unterlagen" gefordert. Es war für sie unvorstellbar, nur das vom Funker Niedergeschriebene zu akzeptieren, ohne den aufgenommenen Text durch einen Morsestreifen nachkontrollieren zu können. Was jedoch der dünne Schreibstift auf das schmale Papier schrieb, war meist ein unentwirrbares Kauderwelsch. Atmosphärische Entladungen und benachbarte Funkstationen – jeder Funker kennt das – malten munter mit. Plötzlich jedoch waren die Morsestreifen einwandfrei lesbar. Die Reichspost triumphierte, es ging also doch! Die Norddeicher Funker hatten, um sich der lästigen und zweifelnden Rückfragen zu entledigen, zuerst alles nach Gehör aufgenommen und im Anschluß an die Aufnahme den empfangenen Text noch einmal sauber auf den Morsestreifen getastet.

Die Geschichte von „Norddeich Radio“ ist zugleich die Geschichte der kommerziellen Funktechnik schlechthin. Es gab kein Stadium, das nicht mitgemacht, erprobt, verbessert bzw. erweitert worden ist. Um- und Ausbauten sind auch in den 60er Jahren noch an der Tagesordnung. Entsprechend ist das Antennengelände, ca 30 kilowattstarke Sender strahlen von Norddeich, Osterloog und sogar von „Sibirien“ bei Elmshorn. Interessantester Antennenträger ist der „Papstfinger“, die Funker von „Norddeich Radio“ tauften ihn so, weil der Vatikansender als erste Sendestelle einen derartigen Funkmast erhielt. Auf der obersten Plattform in über 100 m Höhe war ein ausfahrbarer Stab angebracht, mit dem die Antennenkapazität reguliert werden konnte. Später erhielt ein zweiter, etwas niedrigerer Mast, der die gleiche Einrichtung besaß, den Namen „Kardinalsfinger“. In der Funktelephonie mit Seeschiffen leistete „Norddeich Radio“ ebenfalls wichtige Pionierarbeit. In den Versuchsjahren hatte es eine lustige Begebenheit gegeben. Man hatte einem Passagier der „Columbus“ kostenlos eine Verbindung mit seiner daheimgebliebenen Ehefrau in München gewährt. Er hat dieses Angebot nach dem Gespräch zutiefst bereut, denn „sie“ hielt das ganze für einen ausgekochten Schwindel, mit dem er ihr nur verschleiern wolle, daß er in Wirklichkeit noch gar nicht an Bord, sondern statt dessen in einer üblen Bremerhavener Hafenkneipe „versackt“ sei. Das Jaulen, Zischen und Pfeifen, jeder Funker kennt diese typischen Funkstörungen, verriete ganz deutlich, wie toll es dort herginge.

Toll ging es bei DAN, so lautete das internationale Rufzeichen, oft her, tagtäglich vermittelten ca 15 bis 20 Funker in Wechselschichten rund um die Uhr ca 1000 Seefunktelegramme und über 200 Gespräche mit Schiffen aller Nationen auf allen
Weltmeeren. Durch den weitreichenden Kurzwellendienst unterschied sich „Norddeich Radio“ von den anderen deutschen Küstenfunkstellen. „Kiel Radio“/DAO und „Elbe-Weser Radio“/DAC hatten mit ihren Grenz-, Mittel- und UKW-Wellen nur eine begrenzte Ausbreitungsfähigkeit. Die große Wertschätzung, die „Norddeich Radio“ in der Welthandelsflotte genoß, beruhte außer auf der exzellenten Technik und Historie vor allem auf die vielseitige Verkehrsabwicklung, die immer zuverlässig und schnell und auch bei größter „whooling“ stets mit zuvorkommender Höflichkeit erfolgte.

1967 sammelte man gerade Erfahrungen mit der neuesten Technik im Seefunkdienst, der „Einseitenbandtechnik“. Schiffe der DDG „Hansa“, Bremen, nahmen an diesen Erfahrungen teil, von denen der Wachleiter schwärmte, „mit Schiffen aus dem Persischen Golf haben wir exzellente Verbindungen“. Auf der „Lichtenfels“ gab es noch kein Einseitenband, aber ich hatte die Möglichkeit, dem Kollegen Hans Brand auf der „Schönfels“ einen Besuch abzustatten, von hier aus konnte ich mich persönlich während eines Gesprächs mit meiner Frau von der neuen Einseitenbandtelephonie überzeugen.

Die Norddeicher Funker waren so manches Mal einer nervlichen Belastung ausgesetzt, das stundenlange intensive Beobachten und schnelle Reagieren aus einem sich ständig vermehrenden „Wirrwarr“ von piependen Morsezeichen, war nicht jedermanns Sache. Als das Funkpersonal knapper wurde, einige Persönlichkeiten haben wohl damals schon gewußt, daß die Telegraphie die Jahrhundertwende nicht überleben würde, es wurden jedenfalls nicht genügend Funker eingestellt, verstanden es die Norddeicher sich auch personell umzustellen. Im Sprechfunkdienst zwitscherten, zur Freude aller Fahrensleute, plötzlich weibliche Stimmen im Äther; „Hier ist Norddeich Radio“, Achtung, Achtung, an alle Seefunkstellen, hier ist Norddeich Radio mit dem Seewetterbericht“.

Da sich die Funkerausbildung vor allem in den Anfangsjahren in Berlin konzentrierte, kamen viele Funker vom Wannsee nach Utlandshörn, nicht alle sahen diese Jahre als „Pflichtjahre“, manchen von ihnen wuchs „Norddeich Radio“ doppelt ans Herz; so manche „Schöne“ aus der Kreisstadt Norden ließ sich von einem „Postinspektor mit Pensionsberechtigung“ zum Traualtar führen.

Einige wichtige Daten:
Nov. 1905 Beginn des Aufbaus der Küstenfunkstelle
20.03.1907 Reichweitenversuche mit Kreuzer "VINETA"
01.06.1907 Aufnahme des öffentl. Funkverkehrs. Rufzeichen: KND
01.07.1908 Öffentlicher Funkverkehr 600-m-Welle Hör- und Schreibempfang
29.03.1909 600-m-Welle nur noch Hörempfang
21.03.1910 Aufnahme Zeitzeichendienst
01.02.1911 2,5-kW- und 10-kW-Tonfunkensender in Betrieb
13.09.1912 4-kW-Poulsen-Lorenzsender in Betrieb
Jan. 1913 Funkbetrieb auf 1800-m-Welle über Terschelling hinaus erlaubt
01.07.1913 Neues Rufzeichen KAV für KND
Mai 1919 Erster Röhrensender (ARS U-Boot-Sender)
21.09.1922 Öffentlicher Seefunkverkehr für große Entfernungen zugelassen
2 050-m-Welle/Schiffswelle
2 250-m-Welle/Hauptfunkstelle
20.10.1926 Erster KW-Sender auf 68-m-Welle in Betrieb KW-Versuche mit „Cap Polonio“ auf der 36-m-Welle bis einen Tag vor Montevideo, später bis Buenos Aires.
25.11.1927 Neues Rufzeichen DAN für KAV
18.04.1929 10-kW-KW-Sender mit Kristallsteuerung in Betrieb
08.12.1931 Empfangsfunkstelle Utlandshörn wird gebaut
09.11.1932 Neues Rufzeichen DAF für Sprechfunk
Sept. 1936 Gute Kw-Verbindung mit dem Walfangschiff „Jan Wellem“ in der Antarktis
20.03.1957 Inbetriebnahme des „Papst-Fingers“
01.11.1956 Neue Rufzeichen für Sprechfunk auf KW DAJ /DAK
für Telegraphie DAM / DAL
03.05.1957 Norddeich feiert 50. Geburtstag
16.12.1964 Neues Rufzeichen für Telegraphie DAF
01.05.1967 Norddeich feiert 60. Geburtstag
01.05.1982 Norddeich Radio 75 Jahre Küstenfunkstelle
31.12.1993 Norddeich stellt die Aussendung der nautischen Warnnachrichten und der .Wetterinformationen auf MW ein
31.12.1994 Peilfunknetz „Nordsee“ wird geschlossen
31.12.1995 Norddeich stellt die MW-Telegraphie ein
Die letzte Aussendung:
cq de dan =
this is the last announcement on 500 khz:
norddeich radio/dan will close the medium wave telegraphy service and the security watch on 500 khz now. OXB will maintain watch on 500 khz for german sar area +
de dan + nw cq de dan nw cl cl for ever sk 73 tz sk
30.09.1996 Norddeich stellte die KW-Telegraphie ein
Die letzte Aussendung:
cq de dan/dam/dal/daf =
this is the last announcement from norddeich radio in morse code stop we now close the
radiotelegraphy service on hf stop thanks to all our friends and customers cultr agn on telephony by by + + sk
01.10.1996 Einstellung des KW-Sprechfunkdienstes
01.01.1997 Einstellung des GW-Sprechfunkdienstes
31.12.1998 Einstellung des UKW-Sprechfunkdientes

Es gibt keine Küstenfunkstelle mit dem Namen „Norddeich Radio“ mehr!


20.03.1967 DEER SPIEGEL



SCHIFFAHRT / JOHANNES KRÜSSMarmoriert kraus
In hoher See und inmitten treibender Eisbrocken, die gegen die Bordwand rempelten, suchte der deutsche Fischdampfer "Johannes Krüss" 1959 vor dem grönländischen Kap Farvel vergeblich nach Überlebenden des dänischen Frachters "Hans Hedtoft". In der Messe des Trawlers hing seither eine Ehrenurkunde für Schiff und Besatzung: "In Anerkennung des selbstlosen und hilfsbereiten Einsatzes".
Acht Jahre und einen Monat nachdem die "Hans Hedtoft" mit 95 Menschen an Bord bei Kap Farvel versank, stand die "Johannes Krüss" wieder in den Gewässern vor Grönlands Südspitze, wieder bei schwerem Wetter. Das ist das letzte, was man von dem 650 Bruttoregistertonnen großen Bremerhavener Fischdampfer und seinen 22 Mann Besatzung weiß.
Ob die "Johannes Krüss" wie 1959 die "Hans Hedtoft" vor Grönland einen Eisberg rammte, ob sie durch sogenannten Black Frost (Schwarzer Frost) kenterte oder ob sie von einer mächtigen Kreuzsee unter Wasser gedrückt wurde -- das wird vermutlich "auch für Fachleute ein Rätsel bleiben" (Direktor Gerhard Sommer von der "Johannes Krüss"-Reederei Kämpf & Co. KG).
Die "Johannes Krüss" gehört zu den Dutzenden Schiffen, die von der See verschwanden -- so schrieb einmal der schriftstellernde Kapitän Alan Villiers -, "ohne auch nur angedeutet zu haben, daß sie in Schwierigkeiten gerieten, ohne Überlebende zu hinterlassen, ohne den geringsten Hinweis auf das, was ihnen zugestoßen war".
Allein seit Kriegsende gingen drei deutsche Fischdampfer verloren, ohne auch nur ein SOS gefunkt oder einen "Mayday"-Notruf abgesetzt zu haben: 1948 der Bremerhavener Trawler "H. Hohnholz" mit 14 Mann, 1950 der in Hamburg beheimatete Fischdampfer "Cranz" mit 19 Mann und 1952 der Bremerhavener Trawler "N. Ebeling" mit 20 Mann.
Nächst Rettungskreuzern und Kriegsschiffen gelten Fischdampfer zwar als die seetüchtigsten Wasserfahrzeuge:
> Ihr stämmiger Rumpf und der scharfgeschnittene Bug mit der ausladenden hohen Back darüber sind dafür ausgelegt, auch mit schwersten Seen fertig zu werden.
> Die Ladung der Fischdampfer -- der Fang -- ist in dem vielfach abgeschotteten "Fischraum" so gestaut, daß sie auch bei extremer Schräglage des Schiffes nicht übergehen (verrutschen) kann. In der Frachtschiffahrt dagegen ist Kentern durch übergehende Ladung eine der häufigsten Unfallursachen.
Aber Trawler sind auch gefährdeter als alle anderen Seeschiffe. Denn Fischfang kann nur in Gewässern betrieben werden, die Handelsschiffer möglichst meiden: dicht unter Küsten oder auf Untiefen, wo gefährliche Grundseen laufen und die Stürme vernichtende Brecher auftürmen.
Zudem befinden sich die Fanggründe der mitteleuropäischen Hochseefischerei in Seegebieten, die ohnehin zu den wildesten und finstersten Winkeln der Erde zählen. Bis Mitte der 50er Jahre waren das vor allem die Barents-See, die Gewässer um die Bäreninsel und vor Norwegen sowie die Bänke bei Island. Und seit diese Gewässer nahezu abgefischt sind und Island innerhalb einer Zwölf-Meilen-Zone keine fremden Trawler mehr duldet, müssen die Hochseefischer auch bis vor die Küsten Labradors, Neufundlands und Grönlands dampfen.
Neben Sturm und Nebel bedroht die Seefahrer dort auch noch Eis -- eine Gefahr, die heute genauso unberechenbar ist wie vor Erfindung des Radars.
Denn einwandfrei zu orten sind Eisberge auf dem Radarschirm bestenfalls bei ruhigem Wetter. "Marmoriert kraus" (so Oberstudienrat Erich Koch, Lehrer an der Seefahrtschule Hamburg) und kaum noch deutbar ist das Radarbild dagegen bei hohem Seegang und starken Regen- und Schneeböen. Dann reflektiert außer möglicherweise vorhandenen Eisbergen auch noch jeder Wellenkopf die Radarwellen.
Treibende Eisfelder können ein Schiff einschließen und unter Umständen zerquetschen, Eisberge können seinen Rumpf aufschlitzen. Aber Schiffe können auch selbst zu Eisbergen werden -- durch "Black Frost".
So nennen Nordmeerfischer den Vorgang, wenn sogenannter arktischer Seerauch oder Regen auf dem stark unterkühlten Schiff zu Eis erstarren und schließlich Masten, Deck, Rettungsboote und Kommandobrücke mit einem glasharten Panzer überziehen. Gefrieren auf diesem Panzer auch noch Gischt und überkommende Seen, kann das Schiff so topplastig werden, daß es kentert.
Auf diese Weise gingen am 26. Januar 1955 nördlich von Island die britischen Fischdampfer "Roderigo" und "Lorella" verloren. Durch Gischt und Regen, die sich als Eis an ihren Aufbauten festsetzten, kam auch die "Johannes Krüss" im Februar 1959 in Bedrängnis, nachdem sie vergeblich nach Überlebenden der "Hans Hedtoft" gesucht hatte. Das Eis zerstörte unter anderem die Isolatoren und Antennen der Funkanlage. Zeitweilig konnte sie keinen Kontakt zu Schiffen und Landstationen aufnehmen.
Doch damals meldete sich die "Johannes Krüss" nach ein paar Tagen wieder. Als diesmal die Routinemeldung über die Ankunft auf dem Fangplatz eine halbe Woche überfällig war, gab die Reederei -- am 6. März -- ein Telegramm auf: "Warum keine Meldung?" Die Seefunkstelle Norddeich-Radio konnte den Spruch nicht absetzen. Der Adressat antwortete nicht.
Vom 9. März bis zum Mittwoch letzter Woche strahlte Norddeich-Radio achtmal täglich einen Funkspruch "An alle" aus -- mit der Aufforderung, nach der "Johannes Krüss" Ausschau zu halten.
Der "An alle"-Rundruf wie auch die Suchaktion von Flugzeugen und Marinefahrzeugen unter Grönlands Küsten ergaben nicht den geringsten Hinweis.
Selbst Anhaltspunkte über den mutmaßlichen Kurs des Trawlers fehlen. Die Reederei hatte es Kapitän Starossek, 41, freigestellt, westlich oder östlich von Grönland zu fischen. Er hatte nur eine Order: Das Schiff sollte spätestens am Sonntag vor Ostern zurück sein -- rechtzeitig genug zum Karfreitags-Fischgeschäft.


(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken